Warum zeigen Hunde aggressives Verhalten gegenüber Artgenossen? Um diese Frage beantworten zu können, muss man sich zunächst fragen, warum Hunde überhaupt tun was sie tun. Ein Ziel jeden Tieres ist grundsätzlich ein bestmöglicher Gewinn in jeder Lebenssituation und die Weitergabe der eigenen Gene. Grundvoraussetzung dafür ist eine gesicherte Bedarfsdeckung und Schadensvermeidung. Kommt ein Hund nun in Kontakt mit einem anderen Hund, der für ihn eine Bedrohung darstellt, sieht er sein persönliches Wohlergehen in Gefahr und muss reagieren. Was für einen Hund eine Bedrohung darstellt, hängt von der individuellen Wahrnehmung ab.
Reaktionsmöglichkeiten bei Bedrohung
Kommt ein Hund in eine bedrohliche Situation hat er verschiedene Reaktionsmöglichkeiten. Für welche er sich entscheidet wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst, unter anderem zum Beispiel welches Verhalten war in ähnlichem Kontext schon erfolgreich.
| FLIGHT | Ausweichen, Meiden, Weggehen, Flucht |
| FREEZE | Erstarren |
| FLIRT | Aktive/passive Demut |
| FIGHT | Defensives/offensives Angriffsverhalten |
Ursachen für aggressives Verhalten
Grundsätzlich kann aggressives Verhalten verschiedenste Ursachen haben. Bei älteren Hunden sind häufig Schmerzen bzw. die Furcht vor Schmerzen der Grund für aggressives Verhalten zum Beispiel wenn sich ein Junghund annähert. In Hundebegegnungen ist bei vielen Hunden Angst vor dem sich nähernden Artgenossen der Grund. Die hormonell bedingte Aggression tritt bei Rüden bei sexueller Erregung oder bei Hündinnen als maternale Aggression auf. Versucht ein anderer Hund eine wichtige Ressource wie Futter, Wasser, Lebensraum oder Sozialpartner in Anspruch zu nehmen, spricht man von Ressourcenverteidigung. Unterschreitet ein anderer Hund die Individualdistanz eines Hundes, entsteht ein sozialer Konflikt, der in einer Impulsaggression enden kann. Wird einem Hund der Zugang zu etwas z.B. einem anderen Hund verwehrt führt das zur Frustration und damit zu frustbedingter Aggression.

Einflussfaktoren für aggressives Verhalten – Hund
🐾 Körperlicher Zustand: Energiebedarf und Grad der Sättigung, hormoneller Zustand, momentane Bedürfnisse, Fitness, Erkrankungen, Schmerzen, altersbedingte Veränderungen
🐾 Genetik/Temperament: Rasseunterschiede, genetisch bedingte Merkmale wie Sicherheit versus Unsicherheit, Persönlichkeitsmerkmale wie soziale Aufgeschlossenheit, Furchtlosigkeit, etc.), Anpassungsstrategien bei Stress
🐾 Verhaltensentwicklung: Sozialisierung mit Hunden und Menschen, positive Umwelterfahrungen
🐾 Erlerntes Verhalten: aggressives Verhalten als erlernte Strategie
Einflussfaktoren für aggressives Verhalten – Mensch
Auch der Mensch, sein Verhalten und seine Emotionen haben Einfluss auf das Verhalten des Hundes. Der Halter/die Halterin ist als wichtigster Sozialpartner und Bezugspunkt in schwierigen Situationen die emotionale Referenz für den Hund. Ist der Mensch achtsam und entspannt, ist es auch für den Hund leichter sich zu entspannen. Grundvoraussetzung ist natürlich auch eine gute Bindung und Beziehung zwischen Hund und HalterIn. Dazu gehört unter anderem die achtsame Steuerung der Sozialkontakte des Hundes, Training auf Basis der positiven Verstärkung und eine Deckung der Bedürfnisse des Hundes.
Verhaltenstherapie und Training
Wo setzt nun die Verhaltenstherapie und das Training an? Grundsätzlich ist es immer ratsam einen tierärztlichen Gesundheitscheck machen zu lassen, um körperliche Ursachen für das Verhalten des Hundes ausschließen zu können. Im Training gilt es dann zunächst eine gründliche Anamnese zu machen, in der man verschiedene Punkte eruiert: Alter, Rasse, Geschlecht, Gesundheitszustand, Herkunft, Verhaltensentwicklung, Lebensbedingungen und Verhalten gegenüber Umweltreizen (Menschen, anderen Tieren, bewegte und unbewegte Objekte). Besonders wichtig sind genaue Angaben zum Problemverhalten: Wo, wann, wie oft, seit wann tritt es auf? Was sind die Auslöser? Welche Umweltreize und -faktoren begünstigen aggressives Verhalten? Welches Verhalten zeigt der Hund genau? Welche Emotionen mischen mit? Und ganz wichtig: Wieso lohnt sich dieses Verhalten für ihn? Hauptfokus der Anamnese liegt auf dem in der Gegenwart beobachtbarem Verhalten. Natürlich kann es aber hilfreich, wenn man weiß welche Erfahrungen der Hund in der Vergangenheit gemacht hat. Manchmal kann es auf konkrete Situationen zurückzuführen sein, warum sie das Verhalten des Hundes so entwickelt hat. Dies ist leichter, wenn man einen Hund von Welpen alter an bei sich hat. Bei Tierschutzhunden kennt man meistens die Vergangenheit nicht oder nicht genau.
Bei einem Spaziergang kann das Verhalten in kontrollierten Situationen beobachtet und eventuell für eine spätere Videoanalyse gefilmt werden. Dabei wird nicht nur das Verhalten des Hundes beobachtet, sondern auch das des Besitzers/der Besitzerin. Dann startet das Erarbeiten eines Trainings- und Therapieplans und die Auswahl der geeigneten Trainingsmethoden für das jeweilige Mensch-Hund-Team.
Trainingsbausteine bei Hund-Hund-Aggression
Probleme bei Hundebegegnungen können auf verschiedenste Arten angegangen werden. Ein holistischer Ansatz wirft zuerst immer einen Blick auf das Große und Ganze: das Wohlbefinden des Hundes und die Mensch-Hund-Beziehung. Danach schaut man auf die konkreten Situationen in denen die Hund-Hund-Aggression auftritt, also in den meisten Fällen bei Hundebegegnungen beim täglichen Spaziergang. Danach geht es an das konkrete Training.
Wohlbefinden des Hundes
Wie geht es dem Hund? Gibt es Stellschrauben im Alltag an denen man drehen kann, um die Gesamtsituation zu verbessern. Ist der Hund gesund? Werden seine biologischen Grundbedürfnisse befriedigt? Ist er physisch und geistig ausgelastet? Hat er genug Schlaf, Ruhe und Entspannung? Werden seine sozialen Bedürfnisse nach Kontakt zu den wichtigsten Sozialpartnern befriedigt?
Mensch-Hund-Beziehung
Wir müssen unserem Hund ein vertrauensvoller, achtsamer und zuverlässiger Sozialpartner sein! Wir müssen freundlich und fair mit unserem Hund kommunizieren, sein Ausdruckverhalten lesen lernen und seine Signale respektieren. Zur Verbesserung der Mensch-Hund-Beziehung trägt außerdem auch gemeinsame Qualitätszeit bei – sowohl in aktiver, als auch in entspannter Form: schöne Spaziergänge, gemeinsames Spiel und Training, gemeinsame Hobbies, aber auch gemeinsame Entspannung und Faulenzen. Sind wir ein zuverlässige Bindungsperson für unseren Hund, so stellen wir auch in schwierigen Situationen einen verlässigen Partner dar. Unser Hund soll sich in unserer Nähe sicher fühlen!
Vorbeugung
Wir sind für die Sicherheit unseres Hundes verantwortlich! Bei Spaziergängen bedeutet das konkret: wir gehen vorausschauend und achtsam spazieren und bringen unseren Hund nicht in gefährliche und konfliktträchtige Situationen. Vorbeugung ist der erste Trainingsschritt! Hat dein Hund gelernt, dass Angriff die beste Verteidigung ist, so wird diese Strategie immer anwenden und sie wird sich immer wieder für ihn bestätigen. Geht dein Hund in den „Flight“ Modus und merkt, dass seine verzweifelten Signale nach Abstand nicht erhört werden, wird es sich für ihn bestätigen, dass andere Hunde eine sehr große Bedrohung darstellen und dass auch du, als wichtigste Bezugsperson, nicht vertrauensvoll bist. Diese Teufelskreise müssen durchbrochen werden, weshalb es absolut notwendig ist, jegliche negative Hundebegegnungen zu vermeiden.
Veränderung des Kontexts & Managementstrategien
Die Veränderung des Kontexts kann schon eine Verbesserung bringen. Wenn wir immer die gleiche Spazierrunde gehen, wird sich der Hund auf dieser Runde jede Örtlichkeit merken, an der er eine negative Verfahrung gemacht hat und wir immer darauf warten, dass an dieser Stelle wieder der „eine Erzfeind“ auf ihn wartet. Eine Ortsveränderung (neue Spazierrunde, ruhige Umgebung, anderes Gelände) können schon zu einer grundsätzlichen Verbesserung der Erregungslage des Hundes führen.
Ein ganz ganz ganz wichtiger weiterer Punkt ist die Distanz! Jeder Hundehalter/jede Hundehalterin mit einem reaktiven Hund muss unbedingt die individuelle kritische Distanz des eigenen Hundes kennen. Sprich, der Abstand vom anderen Hund, bei dem der eigene Hund noch entspannt bleiben kann. Dabei ist es außerdem wichtig die Körpersprache der Hunde (vor allem die des eigenen, aber auch die des fremden Hundes) lesen zu können.
Des weiteren spielt auch die Leinenlänge eine große Rolle. Hundebegegnungen an kurzer Leine sind viel schwieriger als an einer längeren Leine an der sich der Hund natürlicher bewegen kann und weniger eingeschränkt ist. Hier ist natürlich auch das richtige Leinenhandling von Bedeutung.
Veränderung der Reaktion auf Auslöser
Die Wahrnehmung und Sichtung eines fremden Hundes ist der Auslöser/Trigger für die Reaktion unseres Hundes. Diese ungewünschte Reaktion können wir zum Beispiel verändern durch:
Habituation
Der Hund gewöhnt sich durch wiederholte Exposition an den Reiz, wodurch der Trigger immer unwirksamer wird und die Reaktionsschwelle sich erhöht. Voraussetzungen hier sind eine niedrige Reizstärke indem man zum Beispiel nur mit dem Geruch eines fremden Hundes arbeitet.
Desensibilieirung
Bei der Desensibilisierung wird in kontrollierten Begegnungen auf weite Distanz und bei entspannter Stimmung die Stressreaktion durch graduelle Annäherung verringert.
Gegenkonditionierung
Bei der Gegenkonditionierung wird durch klassische Konditionierung bei Sichtung des Hundes eine positive Emotion erzeugt.
Alternativverhalten
Beim Aufbau von Alternativverhalten wollen wir dem Hund zeigen, dass es für ihn in einer Konfliktsituation einen anderen Ausweg gibt, als z.B. in die Aggression zu gehen. Alternativverhalten werden zuerst aufgebaut, bevor sie dann in einer Konfliktsituation angewendet werden. Mögliche Alternativverhalten sind beispielsweise ruhig stehen bleiben und beobachten, sich wegorientieren, sich am Menschen orientieren, schnüffeln etc. Die Funktion des Verhaltens soll der Motivation des Hundes (z.B. Distanzvergrößerung, Vermeiden des Kontaktes mit dem anderen Hund, Befriedigung einer intrinsischen Motivation wie Laufen oder Suchen) entsprechen und am Besten selbstbelohnend für den Hund sein.
Training von Basisverhalten
Grundlage für jegliches Training ist das Schaffen einer funktionierenden Arbeitsgrundlage. Dies umfasst Vertrauen und Kooperation zwischen Mensch und Hund, ein funktionierendes Belohnungssystems und das Schaffen von der richtigen Erregungslage für das Training. Markersignale sind tolle Hilfsmittel, um dem Hund punktgenau Feedback zu seinem Verhalten zu geben und um positive Emotionen mit Training zu verbinden. Auch Hilfsmittel wie Halsband, Geschirr oder Maulkorb, sowie das Gehen an langer und kurzer Leine gehören zu Basisverhalten, die trainiert werden müssen.
Trainingsmodelle
BAT 2.0 (Behavior Adjustment Training)
In BAT 2.0 von Grisha Stewart liegt der Fokus des Trainings auf die Förderung von entspanntem und natürlichem Verhalten in Gegenwart eines anderen Hundes, wobei der Mensch möglichst wenig Einfluss auf das Verhalten seines Hundes nehmen soll. In so genannten Set-Ups wird mit ausreichender Distanz zum zweiten Hund Erkundungsverhalten an langer Leine gefördert, damit der Hund entspannt Informationen über den fremden Hund sammeln kann. Unterschreitet der Hund, die für ihn kritische Distanz, unterstützt der Mensch oder holt ihn in mit bestimmten Techniken aus der Situation.
SAVE Training (Sozial Angemessenes Verhalten in Extremsituationen)
SAVE Training nach Viviane Theby basiert auf negativer Verstärkung von angemessenem Verhalten durch Herausführen des Hundes aus kritischen Situationen.
Click für Blick
Click für Blick von Dr. Ute Blaschke-Berthold basiert auf Gegenkonditionierung und Abrufen eines angemessenen Alternativverhaltens. Ruhiges Beobachten des anderen Hundes mit mit Markersignal verstärkt.
Social Walks
Social Walks sind Lernspaziergänge bei dem sozial unsichere Hunde in kontrollierten Situationen entspanntes Verhalten üben können. Unsichere Hunde können sich an die Präsenz anderer Hunde gewöhnen und akzeptables Verhalten kann verstärkt werden.

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